Geschrieben von Alexander Kobs www.alexanderkobs.de Erschienen 24. Januar 2014

4. September 1983: das Motodrom – ein Hexenkessel. 35.000 begeisterte Motorsportfans sind in die ostfriesische Gemeinde Halbemond bei Norden gekommen und wollen das Weltmeisterschaftsfinale im Speedway sehen. Die meisten sind wegen Egon Müller hier. Blondes, lockiges Haar, glitzernder Brilli im Ohr, sympathische Ausstrahlung. Ein Typ „Marke Sunnyboy“. Er ist der Lokalmatador, er hat das Publikum an diesem Sonntag hinter sich. In Kiel geboren, 34 Jahre alt und mit der großen Chance, als erster deutscher Fahrer Speedway-Weltmeister zu werden. Startschuss: Müller kommt nicht weg. Er fällt zurück, kann aber mit einem riskanten Manöver in der ersten Kurve wieder auf Platz zwei vorrücken – hinter Hans Nielsen. Der Däne dominiert das Finale, fällt aber vor der letzten Runde aus. Müller zieht vorbei und überquert kurz darauf mit hochgezogenem Vorderrad die Ziellinie. Sieg. Der neue Weltmeister mag es spektakulär – nicht nur an diesem Tag.

Mit 150 km/h in die Kurve

Bis heute ist Müller der einzige deutsche Speedway-Weltmeister. Eine Sportart, die heute fast in Vergessenheit geraten ist. Müller ist ein Unikum in der Motorrad-Szene. Ein Ausnahmeathlet der 1970er und 1980er Jahre. Bahnrennen mit Motorrädern. Beschleunigen – nicht bremsen. Mit bis zu 150 km/h legen sich die Piloten in die Kurven. Ein Teufelsritt auf Gras- oder Sandpisten. Nur die kühnsten und mutigsten Fahrer gewinnen. Müller gehört dazu. Neben dem Titel im Speedway, der Kurzstrecke, gewinnt er dreimal auf der Langstrecke. Insgesamt feierte er 785 Rennsiege, ist achtfacher Europameister und 17-facher Deutscher Meister. In seiner Karriere hielt er zwischenzeitlich 33 Bahnrekorde und drei Geschwindigkeitsrekorde. „Mich konnten fast zwei Jahrzehnte lang eigentlich nur ein Kettenriss, ein Gasseilriss, ein abgebrochener Spritschlauch oder irgendeine kaputte Zündkerze stoppen. Niemals Gegner“, blickt der 65-Jährige heute zurück.

Jüngster Spross einer Artistenfamilie

Er konnte sich durchbeißen. Das lernte er schnell. Als jüngstes Kind einer Artistenfamilie mit zwölf Geschwistern wählte er früh das Zweirad als seinen ständigen Begleiter. „Alle haben irgendwas gekonnt im Zirkus. Ich hatte überlegt: Was kann ich denn? Ich kann am besten mit dem Fahrrad fahren. Also bin ich dann schon die Prinzenstraße in Eckernförde runtergefahren mit einem Fuß auf dem Sattel und einem auf dem Lenker. Und das rückwärts“, erinnert er sich. Mit elf Jahren bekam er vom Vater sein erstes Motorrad – besorgt vom Schrottplatz für fünf Mark. Müllers Leidenschaft war geweckt, er bastelte nächtelang an seiner Maschine und legte los. Ein erster Stunt über das Dach einer Gartenlaube, der erste Start bei einem Geländerennen – wohlgemerkt ohne Führerschein -, und das erste Sandbahnrennen. Zunächst nur als Zuschauer.

Eine Flasche Whiskey gibt den Ausschlag

Das Rennen auf der Sandbahn fixt ihn an. Adrenalin schießt durch seinen Körper. Faszination. „Wenn ich da mitfahre, würde ich niemals Letzter werden“, sagt Müller zu seinen Kumpels. Die setzten dagegen. Wetteinsatz: eine Flasche Whiskey. Beim nächsten Rennen meldet sich Müller an – und wird Zweiter. Den guten Tropfen lässt er sich schmecken, genauso wie den tosenden Applaus von den Rängen. Müller will mehr, er will ganz nach oben aufs Treppchen. Deswegen arbeitet er hart an sich und schraubt weiter an seinem Gefährt. Er meldet sich zu weiteren Rennen an, gewinnt und verdient damit gutes Geld.

Vier Rennen in einer Woche

Speedway ist damals in aller Munde, die Rennen locken mehrere Zehntausend Zuschauer in die Stadien. Und Müller ist der aufkommende Star der Szene. Er weiß seine Popularität zu nutzen: Gagen zwischen 5.000 und 10.000 Mark soll er pro Start kassieren. Einmal auch 24.000 Mark in Kopenhagen. Doch dieses Geld lässt er nach dem Tanken im Portemonnaie auf dem Autodach liegen, sagt er. Der Tausendsassa ist fortan besessen von „seinem“ Sport. Teilweise fährt er viermal in der Woche. Nicht nur in Deutschland, auch in Australien oder England.

67 Knochenbrüche in 33 Jahren

Die Zuschauer lieben ihn. Müller hatte den Hang zum Verrückten, war für seinen berüchtigten Fahrstil bekannt. Das blieb nicht ungestraft: In 33 Profi-Jahren zog er sich 67 Knochenbrüche zu. Auch bei einem Rennen in Bayern ging es hart zur Sache: „Ich bin danach die ganze Nacht mit dem Auto nach Kiel hochgefahren. Habe den Arm und den Fuß aus dem Fenster raushängen lassen, um das zu kühlen, damit ich das überhaupt aushalte“, sagt Müller. Er bereut nichts. Gar nichts. Auch ein folgenschwerer Renn-Unfall seines Sohnes Dirk, ebenfalls ein begnadeter Speedway-Fahrer, konnten Müller nicht von seinem Weg abbringen. Sein Filius lag nach dem Unfall neun Tage im Koma, wäre fast gestorben. „Daran ist meine erste Ehe zerbrochen“, hat Müller einmal erzählt. „Meine Frau wollte, dass ich aufhöre, aber das konnte ich nicht.“ Sie trennten sich, später heiratete er sie aber ein zweites Mal. Nichts konnte ihn aufhalten.

Müllers Karriere abseits der Rennbahn

Auch abseits der Piste startet Müller durch. Er weiß sich zu vermarkten. Der Weltmeister erobert die Musik-Charts mit Hits wie „Win the Race“ oder „Speedway Man“, arbeitet als Drehbuchberater und schauspielert im „Tatort“ oder im Kinofilm „Panische Zeiten“ an der Seite von Udo Lindenberg. Er ist ständig auf Achse – auch heute noch, nach der Profi-Laufbahn. 1997 ist er sein letztes Rennen gefahren – mit 49 Jahren. Mittlerweile ist er Rentner, versorgt junge Talente mit frisierten Motoren, betreut Nachwuchsfahrer. Und hat sich einem neuen Hobby verschrieben: Müller bastelt an Modellflugzeugen. „Ich glaube, wenn man aufhört und sich auf die Couch setzt, dann stirbt man auch bald“, sagt er. Egon Müller, Motorsport-Legende, Schlagerstar, Mädchenschwarm. Rastlos. Und mit 65 Jahren immer noch so ein Tausendsassa wie in jungen Jahren.